Eine Zeichnung entsteht vor den Augen. Der Zeichner führt seinen Stift in dunklen Linien übers Papier oder trägt mit Pinsel oder Feder Tuschen auf. Das Blatt vom Tisch des Zeichners kann der Betrachter später in einer Ausstellung bewundern.

Ganz gegensätzlich verhält es sich mit der Radierung. Diese entsteht in einem Prozeß, der weit über den schöpferischen Entwurf hinausgeht. Neben der meisterlichen Beherrschung der Drucktechnik verlangt die Radierung vom Künstler noch viel mehr: das Wissen um die Wirkung von Säure und Lösungsmitteln, das Feingefühl und die Disziplin für zeitliche Abläufe, das Gespür für die richtige Behandlung der Zink- oder Kupferplatte.

Was der Radierer am Ende als Druck in Händen hält, ist ein Stück feines Büttenpapier. Gearbeitet aber hat er an einer Metallplatte. Mit harter Nadel kratzt er helle Linien in den schwarzen Lack, der die Platte schützt. Im Ätzbad frisst sich die Säure in die Linien, schafft ein Relief aus Strichen und Flächen, dessen Tiefen die Druckerschwärze aufnimmt. Mit bloßer Hand wischt der Radierer die Farbe aus der Platte, bis allein die Vertiefungen schwarz im blanken Metall stehen bleiben.

Dann wird gedruckt. Das Ergebnis wird seitenverkehrt sein und der Radierer wird die Platte noch weiter bekratzen, abschaben, ätzen und schleifen, und dabei wächst die Grafik von Abzug zu Abzug. Solange, bis er mit dem Druck am wenigsten unzufrieden ist. Aufwendig, schmutzig, auch gefährlich wegen der Dämpfe von Benzin und Säure – das ist die Radierung. Kaum zu erahnen für den, der am Ende das filigrane Blatt in Händen hält.


Fotos: Ralf Steinle



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